Ein Videoprojekt des Offenen Kanals Nordhausen e.V

Das Projekt „Jeder ist anders! – Vielfalt tut gut!“ entstand im Rahmen des Lokalen Aktionsplans Nordhausen in Zusammenarbeit mit dem Offenen Kanal Nordhausen sowie der Medienpädagogin Claudia Dechant und ist geprägt von der Idee der Toleranzerziehung, die bereits im Kindergartenalter beginnen sollte. In ihrem Buch „Die Welt trifft sich im Kindergarten“ bestätigt Margaret Blank-Mathieu diese Annahme und schreibt „die Grundlage für die Anerkennung von kultureller und religiöser Vielfalt wird in den ersten Lebensjahren gelegt“. Ausgehend von der Reflexion über das eigene Aussehen, die eigene Familie und die eigenen Fähigkeiten, die spielerisch angeregt wurden, stand der Austausch von Vorstellungen zur kulturellen Vielfalt und der damit verbundenen Bereicherung des eigenen Lebens durch andere Menschen im Vordergrund. Erst wenn sich die Kinder selbst betrachten, die Unterschiede zwischen sich und den anderen erkennen und als Gewinn für das eigene Leben sehen, sind sie offen für andere Kulturen.
Die Ziele des Projekts gestalteten sich mehrdimensional, da nicht nur die Konzeption in die Realität umgesetzt wurde, sondern parallel dazu ein Lehrfilm zur Toleranzerziehung für Kindergärten und Grundschulen entstand. Hierdurch bestand gleichzeitig die Möglichkeit, einen Teil des Projekts medienpädagogisch zu gestalten und den Kindern spielerisch den Umgang mit der Videotechnik zu vermitteln. Die benötigte Videotechnik wurde für das Projekt vom Offenen Kanal Eichsfeld zur Verfügung gestellt. Insgesamt nahmen 42 Kinder aus dem Integrativen Kindergarten „Ida Vogeler-Seele“, dem Ökumenischen Kindergarten und dem Kindergarten Domschlösschen aus Nordhausen teil. Die Anzahl der beteiligten Jungen und Mädchen war während des Projektzeitraums ausgeglichen. Der zeitliche Rahmen für die jeweiligen Sitzungen umfasste in der vorausgehenden Zeitplanung für jede Gruppe bis zu zweiStunden. Die Technik wurde von der ersten Sitzung an zum ständigen Begleiter des Projekts. Die Selbstwahrnehmung der Kinder stand auch in der darauffolgenden Sitzung im Fokus, in der die Kinder sich zunächst selbst malten und parallel dazu sich vor der Kamera vorstellten. Der dafür vorgesehene zeitliche Rahmen wurde dabei in allen Gruppen erweitert, so dass diese Sitzung etwa zwei Stunden dauerte und eine anschließende Auswertung auf die darauffolgende Woche verschoben werden musste. In der dritten Sitzung wurden somit zunächst die Selbstportraits ausgewertet. Dabei stellten die Kinder Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen fest, die durch unterschiedliche Vorlieben von Farben, Kleidung, Gegenständen etc. charakterisiert wurden. So malten die Kinder nicht nur sich selbst, sondern auch ihre liebsten Beschäftigungen. Nach dieser Kategorisierung wurde durch die Hilfe seitens der Projektleiterin jedoch der Blick auf weitere Unterschiede (auch intergeschlechtlich) gerichtet, so dass schließlich die gemeinsame Erkenntnis folgte, dass kein Bild dem anderen gleicht und die Gruppe aus vielen verschiedenen Individuen besteht. Im Anschluss an diese Auswertung folgte der erneute Griff zum Stift, um die eigene Familie zeichnerisch darzustellen. In der daran anschließenden Auswertung stellten die Kinder wiederholt fest, dass keine Zeichnung einer anderen gleicht. Außerdem zeigte diese Analyse die unterschiedlichen Formen von Familie auf, die nicht immer dem traditionellen Modell (bestehend aus zwei Elternteilen und einem Kind) folgten. Die Kinder zählten darüber hinaus nicht nur die Eltern- und Geschwistergeneration zum sozialen Konstrukt Familie, sondern malten oft Familienmitglieder zweiten oder dritten Grades, sofern sie einen starken emotionalen Bezug zu diesen besaßen.
Die Unterschiede zwischen Menschen bestehen allerdings nicht nur durch die primären, also äußerlichen Merkmale, sondern vor allem in ihren Ansichten und Vorstellungen von der Welt. Aus diesem Grund sollten in der vierten Projektsitzung diese inneren Unterschiede sichtbar gemacht werden. Hierzu hatten die Kinder die Hausaufgabe, ihre Lieblingskleidung an diesem Tag zu tragen und hörten dann Musikstücke, die aus verschiedenen Genres bestand und auf differenten Tempi basierten. Zunächst bestand die Aufgabe der Kinder darin, die Stimmungen der einzelnen Beiträge zu beschreiben und anschließend nach diesen Rhythmen zu tanzen. Auch diese Aufzeichnung wurde im Anschluss gemeinsam analysiert und beobachtet, dass zwar einige Kinder ähnlich, aber nicht gleich tanzten. Einige Kinder übernahmen auch Tanzstile anderer Kinder, so dass wir an diesen Beispielen im Gespräch erkennen konnten, dass man von anderen lernen kann. Ideen werden dann aufgegriffen und individuell verändert. Im zweiten Teil der Projektsitzung kleideten sich die Kinder in einer einheitlichen Farbe (grau, schwarz, weiß, braun) und schauten in die Kamera. In der Analyse fiel auf, dass die Bilder der tanzenden Kinder lustiger sind und die bunten Kleider ihre eigene individuelle Persönlichkeit unterstreichen, so dass sie sich wohler fühlten, ihre eigenen Sachen zu tragen. Frei nach dem Motto „Bunt sein ist schöner! – Vielfalt tut gut!“.
Die inneren Vorstellungen kamen allerdings nicht nur durch das Tanzen zum Vorschein, sondern wurden durch das Basteln der eigenen „Kamera“ und das Suchen der kleinen Details im Alltag in der fünften Sitzung sichtbarer. Wir stellten uns also die Frage:„Wie sehen wir die Welt?“. Dafür nahm die Projektleiterin zunächst kleine Details des Kindergartens per Nahaufnahme (Auflösung per Totale) vor der eigentlichen Sitzung auf und präsentierte diese am Anfang der Sitzung den Kindern. So begann dieser Tag mit dem Ratespiel, was wir auf dem Monitor eigentlich sehen. Überaschenderweise achteten die Kinder sehr genau auf ihre Umgebung, so dass die meisten der Gegenstände erraten wurden. Im zweiten Schritt der Sitzung bastelten die Kinder ihre eigene „Kamera“, in dem sie ein Blatt weißes Papier zusammenrollten, hindurchschauten und anschließend berichteten, was sie gesehen hatten. Dabei fanden die Kinder unterschiedliche Gegenstände. Wenngleich sie sich an gleichen Orten befanden, richtete sich ihr Fokus auf unterschiedliche Gegenstände, wie sich in der Analyse zeigte. Ausrufe wie „Ach, ja!“ oder ein späteres „Das hab ich auch gesehen“ zu Kommentaren anderer Kinder zeigen, dass die meisten die Dinge unbewusst gesehen haben, diese aber für sich aber nicht im Gedächtnis behalten haben.
Der unterschiedliche Blick auf die Dinge war auch unser Thema in den beiden darauf folgenden Sitzungen. Lernziel dieser Sitzungen war, dass die Kinder, obwohl sie denselben Gegenstand sehen, nicht das gleiche in ihm sehen. Dafür benötigten wir einen Gegenstand, den alle Kinder gleichzeitig anschauen konnten. Wir beklebten in den verschiedenen Gruppen einen großen Karton mit bunten Papierstreifen, so dass schließlich kaum noch braune Stellen zu sehen waren. Lediglich der obere Teil des Kartons wurde frei gelassen und mit weißem Papier beklebt. Nun sollten die Kinder die Vorstellung entwickeln, den Karton zu personifizieren. Das heißt, er wurde Teil ihres Alltags, befand sich also immer zugänglich im Gruppenraum und darüber hinaus hatten die Gruppen eine Woche Zeit, um sich einen Namen für den Karton auszudenken. In der achten Sitzung wurden schließlich die Namen der Kartons auf die weiße Seite geschrieben und der Karton intensiv betrachtet. Zunächst mussten sich die Kinder um den Karton herum platzieren und beschreiben, was sie sehen. Im nächsten Schritt setzten wir uns und fanden mit viel Phantasie verschiedene Figuren und Muster auf dem Karton. Gegenseitig zeigten sich die Kleinen ihre Fundstücke und freuten sich immer wieder, etwas Neues zu entdecken. Das Reflexionsgespräch erfolgte dabei über den Karton, denn wir stellten uns vor, dass der bunte Alltagsbegleiter ein Mensch sei, von dem man zunächst nur die Äußerlichkeiten und eventuell den Namen kennt. Für die nähere Ergründung eines Menschen sind diese oberflächlichen Merkmale – im Karton symbolisiert durch die weiße Seite mit der Aufschrift des Namen – nicht ausreichend. Erst durch Gespräche, die immer mehr von einem Menschen verraten, werden Dinge bzw. Einstellungen sichtbar, die man durch eine oberflächliche Betrachtung nicht sehen kann – hier symbolisiert durch die bunten Seiten, die man erst nach dem Hinsetzen richtig ergründen kann. Der Karton sollte den Kindern in der neunten Sitzung helfen, Gefühle gegenüber Menschen zu äußern. Dafür lernten sie allerdings zunächst, wie sie ausschauen, wenn sie verschiedene Gefühlszustände spielen. Mittels der Spiegel in den Waschräumen übten die Kleinen Wut, gute Laune, Angst und ein überraschtes Gesicht zu zeigen. Zurück im Gruppenraum wurde von jedem Kind eines dieser Gefühle in kleinen Gruppen vorgestellt. Die nächste Aufgabe bestand darin, diese Gefühle in verschiedenen Formen darzustellen (ganz wenig, mittel, stark, völlig übertrieben). Die anderen Kinder konnten nun raten, welches Gefühl demonstriert wurde.
Die Gefühlsübung diente als Vorbereitung auf die zehnte Sitzung, in der zunächst mit dem Karton zusammen die Gefühle aus der vorherigen Sitzung gezeigt wurden und später in Kleingruppen konkrete Situationen gezeigt wurden, wie zum Beispiel, wie eine Person aus der Gruppe ausgeschlossen wird, wie man in der Gruppe zusammen viel Spass haben kann oder wie man sich nach einem Streit wieder versöhnen könnte. Der Karton diente für die zuschauenden Kinder als Person, mit der man sich identifizieren kann. Deswegen wurde im Anschluss besprochen, wie der Karton sich gefühlt haben könnte, warum er sich so gefühlt haben kann und wie man die Situation ändern könnte. Die Sitzung diente also zur Sensibilisierung der Kinder bzw. zur Stärkung ihres Empathievermögens gegenüber anderen Menschen. Um die gewonnenen Erkenntnisse zu festigen, spielten die Kinder in den nächsten Tagen diese und andere Situationen nach mit der Anleitung durch ihre Erzieherinnen.
Im weiteren Verlauf des Projekts war dies eine Vorbereitung auf zunächst eine Geschichte aus dem Buch „Ich wär gern ein Huhn“ von Beatrix Schnippenkoetter über einen Jungen aus Togo. Wir hörten uns dafür aber nicht nur die Geschichte an, sondern schauten auf der Weltkarte, wo sich das Land befindet, wie groß es ist und welche Tiere dort leben.
Diese Sitzung diente wiederum als Vorbereitung auf die abschließende Sitzung vor Ort im Kindergarten, in der Yao, ein Austauschstudent der Fachhochschule Nordhausen, über das Leben in seiner Heimat Togo berichtete. Berührungsängste seitens der Kinder gab es dabei nicht, stattdessen viele Fragen, die er mit Hilfe u.a. verschiedener Fotos beantworten konnte. Im Anschluss lernten die Kinder ein Lied, dass Yao gern in seiner Schulzeit sang und tanzte. In der Analyse dieses Tages stellten die Kinder fest, dass sie all die interessanten Dinge über Togo und das Leben dort ohne das Gespräch mit Yao nicht erfahren hätten und freuten sich sehr über seinen Besuch. Wie bereits erwähnt wurde die Präsenzphase in den Kindergärten mit dieser Sitzung abgeschlossen und die Materialsichtung begann.
Dabei zeigte sich, dass der Film viel zu lang geworden wäre, wenn jede einzelne Sitzung im Film nacherzählt würde. Es hätte nicht dem Zweck gedient, einen Lehrfilm zu produzieren, der auch in anderen Gruppen gezeigt werden kann. Aus diesem Grund wurde das Material so bearbeitet, dass schließlich eine verkürzte Dramaturgie des Projekts zu sehen ist.
Als abschließende Veranstaltung diente die Präsentation am 23. Dezember 2008 im Museum Tabakspeicher in Nordhausen, zu der aufgrund des vorweihnachtlichen Datums leider nicht alle Kinder anwesend sein konnten, so dass eine Präsentation des Film in den Kindergärten erst 2009 stattfinden wird. Als Dankeschön erhielten die Kinder Süssigkeiten und den fertigen Film auf DVD.
Der Fokus des Projekts richtete sich also auf den Austausch von Kindergartenkindern zu ihren Vorstellungen von kultureller Vielfalt und auf die Bereicherung des eigenen Lebens durch andere Menschen. Dabei sollte zunächst die eigene Identität und das eigene Selbstwertgefühl gestärkt werden, um die Akzeptanz anderer besser fördern zu können. Dadurch sollten die teilnehmenden Kinder bemerken, dass sie von der Vielfalt, die unsere Gesellschaft bietet, profitieren.
Die angestrebten Ziele des Projekts wurden mehr als erfüllt, da bereits weitere Kindergärten Anfragen stellten für ein vergleichbares Projekt. Grund dafür war unter anderem die ausführliche Pressearbeit, die einerseits Radiobeträge (auch online auf der Thüringer Mediathek) sowie mehrere Zeitungsartikel in der Nordhäuser Ausgabe der Thüringer Allgemeinen und den Onlineseiten der NNZ beinhaltete.