„Achtung (+)Toleranz“ – Wege demokratischer Konfli

In der Woche vom 24.-28.November sah der Raum 427 des Herder-Gymnasiums in Nordhausen etwas anders aus als gewohnt.

Bunt gestaltete Plakate mit „idealen toleranten Menschen“, mit den „Wünschen und Erwartungen an’s Seminar“ oder mit den „vier Seiten einer Nachricht“ schmückten die Wände, während an der Tafel ein Schema aus farbigen Kärtchen prangte: „Toleranzkriterien“ und die „Toleranzampel“. Junge Menschen sitzen im Stuhlkreis und diskutieren darüber, ob der Entscheidungsprozess im Planspiel „Schülerzeitung“ demokratisch war und was das für Konflikte, an denen sie in ihrem wirklichen Leben beteiligt sind, bedeutet.
Am Herdergymnasium fand eine Woche lang das Programm „Achtung (+) Toleranz“ statt, maßgeblich unterstützt durch die Schulleitung und insbesondere Herrn Wünsche den Leiter des Leistungskurses „Darstellendes Gestalten“.
Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora zeichnet sich verantwortlich dafür, dass dieses fünftägige Programm aus der außerschulischen Politischen Bildung in Nordhausen angeboten werden konnte. In dem Bewusstsein, dass sich historisch-politische Bildung nicht im Vermitteln historischer Fakten und Zusammenhänge erschöpfen kann, sondern immer auch auf die Gegenwart zielt, hat die pädagogische Mitarbeiterin der Gedenkstätte, Frau Heinrichs, ein Projekt beim Lokalen Aktionslan (LAP) beantragt, das geeignet ist, Kompetenzen, wie Nonkonformismus, Zivilcourage und Empathie zu schule. Nach der Bewilligung durch den LAP konnte dieses Training in Kooperation von KZ-Gedenkstätte und dem Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) durchgeführt werden.
„Achtung (+) Toleranz ist nur eines der Programme für die Politische Bildung, die am CAP adaptiert bzw. entwickelt wurden. Die „Akademie Führung & Kompetenz“ des CAP bildet seit den 90er Jahren „Multiplikatoren“ dafür aus und hat diese Programme auch evaluieren lassen.* Das Besondere an dem Ansatz der Akademie besteht darin, „Demokratie als Lebensform“ begreifbar zu machen. Vermittelte wissenschaftliche Modelle wie beispielsweise der kommunikationstheoretische Ansatz von Friedemann Schulz von Thun der „vier Seiten einer Nachricht“ oder die „Toleranzampel“ dienen einzig dazu, sie auf den Alltag zu übertragen um damit die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Dabei steht immer die Eigenverantwortung der Menschen im Vordergrund: sei es in der Auseinandersetzung im Freundeskreis oder in der Diskussion im Seminar. Damit wird der Forderung, dass politische Bildung zum „mündigen Bürger“ führen möge, nicht nur theoretisch erfüllt, sondern auch praktisch erlebt.
Als hilfreiches Modell bietet sich die am CAP entwickelte, praxisorientierte Definition des Begriffs „Toleranz“ an. In diesem Modell wird postuliert, dass „Toleranz“ erst relevant wird, wenn man sich in einem Konflikt befindet; steht man einer Situation gleichgültig, interessiert oder zustimmend gegenüber, ist man dadurch nicht „tolerant“. Toleranz ist erst dann gefragt, wenn die eigenen Werte in Frage gestellt werden – wenn man also einer Situation ablehnend gegenübersteht. Hingegen kann auch die Regelung eines Konfliktes tolerantes Verhalten sein, wenn dies gewaltfrei geschieht – das „gleiche Recht auf freie Entfaltung“ des Gegenübers im Konflikt also anerkennt. Interessant für den Alltag ist auch der Fall, wenn man sich dafür eintscheidet, den Konflikt auszuhalten. Geschieht dies in der Erkenntnis der gleichen Rechte, dann ist man nach diesem Modell auch „tolerant“. Geschieht dies aber aus einer „Nutzen- und Risikoanalyse“ heraus (die Regelung des Konfliktes erscheint zu mühsam, zeitaufwändig, oder gar als riskant), spricht das Modell von „Scheintoleranz“. Regelt man einen Konflikt hingegen durch den Einsatz von Gewalt – auch wenn es sich dabei „nur“ um böse Worte handelt – setzt man nur die eigenen Interessen durch, verletzt damit die Rechte des Gegenübers und verhält sich intolerant. Dieses Modell will aber nicht vorschreiben wie man sich im einzelnen zu verhalten hat: es versetzt durch die Darstellung der Konsequenzen der jeweiligen Vorgehensweisen im Konfliktfall die Teilnehmenden in die Lage, leichter verantwortungsbewußte Entscheidungen zu treffen** . Vertritt man im Konfliktfall hingegen nicht seine eigenen Rechte, sondern möchte die Rechte Dritter schützen, ist dies auch keine Frage von „Toleranz“, sondern von „Zivilcourage“. Die Beschäftigung mit diesem Thema und auch mit den eigenen Stereotypen und Vorurteilen ist ein weiterer Bestandteil des Programms, das durch ein Planspiel zusätzlich die Möglichkeit gibt, sich in einem demokratischen Entscheidungsprozess auszuprobieren und dies dann zu reflektieren.
Auch bei der Frage, was die Einzelnen selbst noch tolerieren wollen oder eben nicht mehr tolerieren können geht es im Seminar nicht darum, ein „richtiges“ oder „falsches“ Verhalten zu identifizieren (oder darüber Konsens zu erzielen) sondern darum, die dahinter stehenden Werthaltungen zu erkennen, zu verstehen und sich selbst dazu positionieren zu können. Dazu werden im Seminar Kommunikationsformen vorgestellt und geübt, die eine tolerante und demokratische Auseinandersetzung erleichtern können. Dabei ist von großer Bedeutung eine Balance herzustellen zwischen einer dem Gegenüber zugewandten Aufmerksamkeit und der Bereitschaft dem auch zu widersprechen, wenn die eigenen Werte verletzt werden. Ein ein so entstehender Konflikt verliert seine Bedrohlichkeit: eine Konfliktregelung, die motiviert ist von der Anerkennung der gleichen Rechte der Beteiligten und die „das Mißverständnis als den Normalfall in der Kommunikation“ berücksichtigt, führt zu einer dauerhaften Konfliktregelung und sogar zu einer Kompetenzsteigerung.
Sind die Schülerinnen nun toleranter geworden? Die beiden Seminarleiterinnen, Silvia Simbeck und Gabriele Rösing, sind beide Mitarbeiterinnen der Akademie und haben sich für die Auswertung des Seminars mehrere Schritte ausgedacht: um die Nachhaltigkeit des Gelernten zu sichern, schreiben die Teilnehmenden sich selbst einen Brief, in dem sie sich daran erinnern, was ihnen vom Gelernten wichtig war und was sie in Zukunft anders machen möchten. Diesen Brief bekommen sie acht Wochen nach dem Seminar zugesandt. Dann sollen sie zu verschiedenen inhaltlichen Fragen „punkten“ – beispielsweise, ob die „Toleranzdefinition“ praxistauglich erscheint, oder ob das Leitungsteam interessiert und flexibel gewesen sei. Danach ist es in höchstem Maße gelungen, eine alltagstaugliche Toleranzdefinition zu vermitteln und die Auseinandersetzung mit „Grenzen von Toleranz“ anzuregen. Etwas größere Streuung gab es beispielsweise bei den Fragen, ob das Hintergrundwissen zum Thema „Kommunikation“ als hilfreich empfunden wurde oder ob „gewaltfreie Handlungsmöglichkeiten im Konflikt aufgezeigt“ worden seien. Zu der Aussage, dass das „Seminar insgesamt gut gefallen“ hat gab es dann aber wieder Zustimmung.
Nach diesen persönlichen und anonymen Ergebnissicherungen folgt vor der „Runde der letzten Worte“ eine „Raumaufstellung“: eine Person soll eine Aussage machen, die für sie zutrifft und alle anderen positionieren sich zu dieser Person im Raum. So können auch die Teilnehmenden fragen, ob die anderen ähnliche Einschätzungen haben wie sie. Sind sie der gleichen Meinung, stellen sie sich ganz nah zur Person – sind sie weniger der Meinung, stellen sie sich in selbstgewählter Entfernung zur Person auf. Bei der Frage: „Ich finde, dass nette Leute, also eine so angenehme Runde wie hier, auch sehr wichtig ist“: stürzen alle Teilnehmenden auf die Person zu, die dies gesagt hatte und versuchen, so nah wie irgend möglich bei ihr zu stehen.....

Gabriele Rösing (Trainerin)